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beyond korean non-sense

Lantau – the Great Escape

Voller Tatendrang stehen wir auf, die grosse Wanderung steht auf dem Programm – der Lantau Trail. Wenigstens die Sektionen 4 bis 6 davon. Total: 14 Kilometer, von Tao O nach Nong Ping (Big Buddha).

Wir haben an Schweisstücher und Trinkschläuche gedacht, an Sonnencreme (wenigstens teilweise) und an einen Schirm. An andere, wichtige Dinge hingegen haben wir nicht gedacht. Genug zu essen und zu trinken, zum Beispiel. Oder Mückenmittel und Pflaster. Und daran, dass wir uns mit der ganzen Geschichte vielleicht ein bisschen übernehmen werden.

Aber wir sind für einmal früh genug dran, wenn auch eine knappe Stunde später als geplant.

Die Reise führt uns über den Pret a Manger in Lee Gardens 2 zur MTR-Station Wan Chai und dann nach Tung Chung. Hier nehmen wir den Bus 11 nach Tai O, eine recht abenteuerliche und lange Fahrt quer über die halbe Insel. In Tai O (von dem wir auf den ersten Anblick ein wenig enttäuscht sind, obwohl es eines der bekannteren Ausflugsziele auf Lantau ist) versuchen wir uns erst richtig zu orientieren, wandern vorbei an Kühen auf Spielplätzen und finden den Weg zur Sektion 6 des Lantau Trails. Und die hat es in sich…

 

Denn die Sektion 6 beginnt mit einer ziemlich ruppip-steilen Rampe, die wegen des kürzlich niedergegangenen Regens zu allem Überfluss auch noch rutschig ist wie sonstwas. Nach den ersten paar 100 Metern keuche ich schon wie ein altes Dampfschiff und denke so bei mir: «Naja, kann ja nicht ewig so weitergehen» und ich irre mich an diesem Tag zum ersten Mal.

Irrtum Nr. 1
Steiler Weg? Das kann ja nicht ewig so weitergehen…

Nach circa einer Stunde scheint das Gröbste überstanden, es geht erstmals etwas nach unten. Natürlich wussten wir, dass der höchste Punkt bei 490 m.ü.M. liegen würde, und wir ja bei Meereshöhe gestartet waren. Aber wider besseres Wissen fühlte es sich an, als hätten wir schon 400 Höhenmeter überwunden. Wir hatten gefühlt auch schon mindestens einen Viertel des Weges hinter uns. Das war Irrtum Nr. 2

Irrtum 2
Der Weg ist nicht so lang. Was sind schon 14 Kilometer.

Weit hinten am Horizont ist er zu erahnen, der Big Buddha, unser eigentliches Ziel.

Kimchi hatte den ersten Rückschlag zu vermelden: eine Blase am Fuss. Und das nach effektiv 20% Prozent der Strecke. Zu unserem grossen Erstaunen schien jetzt auch unser Ziel, der Big Buddha, immer mehr in die Ferne zu rücken, da der Weg hartnäckig in die andere Richtung ging. Der Weg wollte auch die nächste halbe Stunde partout nicht die Richtung ändern. Jedesmal, wenn wir dachten, jetzt käme dann eine Kehre, ging es wie zum Trotz noch mehr Richtung Westen statt nach Osten.

Irrtum 3
Abkürzungen sind böse (wir hatten eine Abkürzung der Route ignoriert, weil wir zu stolz waren und dachten, wir würden das schon packen).

Langsam drehte nicht nur die Stimmung, sondern auch das Wetter. Doch das war nicht zu unserem Nachteil, tatsächlich denke ich heute rückblickend, dass dies der einzige Grund war, warum wir heute nicht wie zwei ausgetrocknete Frösche irgendwo im Hinterland der Insel Lantau liegen. Wolken zogen auf, etwas Wind. Und auf einmal war es nicht mehr so unerträglich heiss. Jetzt war es nur noch verdammt heiss.

Mittlerweile, wir waren etwa 2 Stunden unterwegs, versiegten unsere Trinkvorräte. Doch mit den Wolken und leichtem Regen kam die Hoffnung. Wir erreichten den «Turning Point» der Wanderroute und es ging steil hinauf zum Ling Wui Shan auf 490 Metern über Meer. Jetzt konnte es ja nur noch besser werden. Das war allerdings Irrtum Nr. 4.

Irrtum Nr. 4
Wir haben den Ling Wui Shan erreicht, jetzt kann es ja nur noch besser werden.

Das Problem mit Wanderwegen in Hongkong im Allgemeinen und auf Lantau im Besonderen ist, dass sie gebaut sind wie andere Wege sonst auch. Möglichst auf direktem Wege zum höchsten Punkt. Entsprechend steil sind sie denn auch. Hier gibt es keine Wanderwege, die sich mit möglichst vielen Serpentinen den Hang hinaufschlängeln, nein. Da geht es in einigermassen gerader Linie auf den Gipfel. Und hinten im gleichen Stil wieder hinunter. Mit etwas Glück hauen sie da und dort noch Stufen in den Weg, doch das hilft dann auch nur noch mässig.

Ich fing an, diese verdammte Insel zu verfluchen. Erst recht, als sich Kimchi während eines Abstiegs von einem der Zwischengipfel den Fuss verknackste und ich mir schmerzlich der Tatsache bewusst wurde, dass wir hier komplett alleine und fernab jeglicher Zivilisation unterwegs waren.

Irrtum Nr. 5
Ha, das schaffen wir!

Kurz darauf war die Idee begraben, es bis Nong Ping und bis zum Big Buddha durchzuziehen. Zu fern schien dieser riesige Buddha auf einmal, der von weitem gar nicht so aussieht. Also dann, neues Ziel: heil an der Tai O Road ankommen, dort fährt sicher ein Bus, ein Taxi oder ein Krankenwagen. Zu diesem Zeitpunkt wäre mir insbesondere letzteres recht gewesen. «Bis drei Uhr sind wir da», redeten wir uns Mut zu. Das wären dann insgesamt 5 Stunden Wanderung oder ca. 10 Kilometer gewesen.

Irrtum Nr. 6
Um drei Uhr sind wir an der Tai O Road.

Oh, dieser verdammte Weg! Immer rauf und wieder runter. Steckengerade und steil, versteht sich. Wir konnten die Tai O Road bereits sehen und vor allem hören, weit, weit unterhalb von uns. Doch der Weg führte uns noch einmal steil nach oben.

Wir versuchten, die letzten Kraftreserven zu mobilisieren. Ich riss mich am Riemen und versuchte mich daran zu erinnern, welche Hölle es gerade für Kimchi sein musste – mit Blasen an den Füssen und einem verknacksten Fuss. Was hatte ich da schon zu meckern, ausser dass ich komplett ausgetrocknet war, sämtliche Knochen schmerzten und meine vom Schweiss aufgescheuerten Oberschenkel jeden Schritt zu einer brennenden Erinnerung an die eigene Selbstüberschätzung werden liessen? Eben.

Am Ende (der Kräfte) – und zu schwach, um ein kleines Bierglas zu heben.

Wir erreichten die Tai O Road schliesslich doch noch – unter Flüchen und Verwünschungen der unschönen Sorte. Wir waren mit den Nerven und Kräften völlig am Ende – aber froh, der Zivilisation doch wieder nähergekommen zu sein. Wir setzen uns an der Bushaltestelle auf die Bank und warteten auf den Bus, der uns die letzten 4 Kilometer nach Nong Ping bringen sollte. Dort angelangt, verwöhnten wir uns mit einem grossen Bier und miesem Touristen-Frass. Aber hey, wir waren froh, noch am Leben zu sein.

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